bbw-Absolventin mit Asperger-Autismus

Mit Vorliebe monotone Arbeiten

Portrait der erfolgreichen bbw-Absolventin aus dem Autismus-Spektrum Ulrike Laub an einem Schreibtisch mit einem Stapel Akten.

Auf die Frage, was sie an ihrem Arbeitsplatz an meisten schätzt, muss Ulrike Laub nicht lange überlegen: „Die Stunde zwischen 6.00 Uhr und 7.00 Uhr morgens. Da ist es im Haus noch ganz still.“ Ulrike Laub ist Asperger-Autistin. Sie liebt klar strukturierte Aufgaben und das Arbeiten für sich allein, Kontakte zu anderen Menschen strengen sie an. Seit einem halben Jahr digitalisiert die 27-Jährige im Archiv der Führerscheinstelle Gießen den Aktenbestand. Was andere Beschäftigte schnell als monoton empfinden, ist für Ulrike Laub geradezu maßgeschneidert.

Dass die junge Frau mitten im Berufsleben steht, ist alles andere als selbstverständlich. Lange Zeit hatte man ihre Behinderung nicht erkannt, lediglich eine starke Sehbehinderung hatten die Ärzte diagnostiziert. Die Schulzeit erlebt Ulrike Laub daher als anstrengend, aber sie schließt dennoch erfolgreich mit der mittleren Reife ab. Anschließend wechselt sie auf Anraten ihrer Lehrer in eine Fördereinrichtung, um dort eine außerbetriebliche Ausbildung zu absolvieren.

Keine gute Idee, wie sich bald herausstellt, denn es handelt sich um eine Fördereinrichtung mit einem auf Blinde und Sehbehinderte spezialisierten Ausbildungsangebot. „Ich wollte Bürokraft werden“, berichtet Ulrike Laub. Für Menschen, die blind oder stark sehbehindert sind, gehört zu dieser Ausbildung allerdings häufig das Fach Telefonie. Für Ulrike Laub blanker Horror. Die soziale Interaktion stresst und überfordert sie. Aber sie macht die Ausbildung, stellt sich der Prüfung und besteht alle Fächer – bis auf die Telefonie.

Doch Ulrike Laub ist beharrlich. Entschlossen stellt sie sich der Aufgabe ein zweites Mal – und fällt wieder durch. „Das war ein großes Frusterlebnis“, gesteht sie. Die junge Frau beginnt, an ihren Händen zu knabbern. In der Fördereinrichtung glaubt man, für Ulrike Laub käme nur noch ein Platz in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Frage. Aber Ulrike Laub protestiert: „Da will und gehöre ich nicht hin!“

Mit Hartnäckigkeit die Ausbildung geschafft

Mittlerweile hat man festgestellt, dass die junge Frau unter dem Asperger-Syndrom leidet. Dass sich ein Beruf am Telefon für sie nicht eignet, ist damit klar. Um zu klären, ob es für Ulrike Laub Beschäftigungsmöglichkeiten gibt, prüft die Arbeitsagentur ihre Arbeitsmarktfähigkeit. Das Ergebnis: Ja, mit begleitender Unterstützung gibt es Integrationschancen auf dem Arbeitsmarkt. Die inzwischen 26-Jährige wendet sich an das Modellprojekt MAASarbeit (Integration von Menschen aus dem Autismusspektrum) in Gießen, aber sie braucht auch noch einen Abschluss, um erfolgreich einen Arbeitsplatz zu finden.

Ulrike Laub beweist Hartnäckigkeit und macht sich noch einmal daran, ihre Ausbildung zur Bürokraft abzuschließen. Dieses Mal im bbw Südhessen. „Eigentlich wollte ich auf keinen Fall wieder in eine Fördereinrichtung gehen“, sagt sie, „aber im bbw Südhessen war dann alles anders.“ Dort kennt man die speziellen Bedürfnisse junger Menschen aus dem Autismus-Spektrum.

Im Verlauf der verbleibenden Ausbildungszeit erhält Frau Laub neben den praktischen Aufgabenstellungen, die ihr liegen und ihre Fähigkeiten weiter fördern, eine individuelle und auf ihre Fähigkeiten als Autistin ausgelegte Prüfungsvorbereitung. Engagiert unterstützt wird sie von ihrer Ausbilderin, die nicht nur alle notwendigen Hilfsmittel organisiert, sondern sie auch ermutigt. „Nach dem totalen Negativerlebnis zuvor hat mich ihr Vertrauen wieder gestärkt“, ist Ulrike Laub dankbar. Im bbw Südhessen besteht sie schließlich ihre Prüfung, der Weg in das Berufsleben kann beginnen.

Doch auf ihre Bewerbungen erhält die junge Frau nur Absagen, die meisten Arbeitgeber scheinen unsicher zu sein, ob sie sich einer autistischen Mitarbeiterin gewachsen fühlen. Über MAASarbeit findet Ulrike Laub schließlich einen Praktikumsplatz – bei der Führerscheinstelle in Gießen, ihrem heutigen Arbeitgeber. Dass es mit Ulrike Laub dort so gut klappt, liegt auch an der guten Vorbereitung: „Wir haben eine kleine Informationsbroschüre bekommen, die uns über die Behinderung aufklärt und Tipps im Umgang mit Frau Laub gibt“, berichtet ihr Vorgesetzter Edwin Frei. Dazu gehört, sich nicht davon irritieren zu lassen, dass Ulrike Laub während des Gesprächs ihr Gesicht abwendet und wenig flexibel ist.

„Und“, so fügt der Sachgebietsleiter dazu, „man muss für Menschen mit Asperger-Syndrom das richtige Arbeitsumfeld schaffen.“ Nachdem Ulrike Laub sich zunächst ein Büro mit einer Kollegin mit Publikumsverkehr geteilt hat, arbeitet sie heute in einem eigenen Raum. Hier scannt sie täglich Akten ein. „Sie macht das sehr gewissenhaft“, schätzt Edwin Frei ihre Arbeit. Auch Ulrike Laub ist glücklich mit ihrer Arbeit: „Jede Akte ist spannend“, sagt sie und liebt besonders diejenigen mit ausländischen Führerscheinen. „Es wäre toll, wenn es hier so weiterlaufen würde“, hofft sie. 

Texterstellung Mitte 2013: Astrid Jaehn

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