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Mit Autismus im Arbeitsleben ankommen

Rückblick Fachtagung „Chancen für eine inklusive Arbeitswelt“ am 9.11.2018

Können Chefs etwas gegen Ehrlichkeit haben? Eigentlich: nein. Wie Ehrlichkeit und andere Besonderheiten von Menschen aus dem Autismus-Spektrum zu Hindernissen beim Berufseinstieg werden können, war Thema der Tagung im bbw. An Beispielen aus Unternehmen und dem Projekt „Empowerment durch Arbeit“ wurde deutlich, wie dank Beratung und Coaching autistische und nichtautistische Menschen im Job miteinander klarkommen.

„Empowerment durch Arbeit“ – kurz: EdA – heißt das Projekt, mit dem das bbw in den vergangenen drei Jahren 36 Menschen zwischen 16 und 40 Jahren in Ausbildung oder Arbeit geholfen hat. Die Ergebnisse des Projekts, das Ende Dezember ausläuft, wurden auf der Fachtagung vor 250 Gästen aus Unternehmen und Verbänden, von Arbeitsagenturen und Jobcentern, Berufsbildungswerken und Berufsschulen vorgestellt. „Wir haben im Rahmen des Projekts Erfolgsfaktoren, aber auch Stolpersteine für den Übergang in den Beruf identifiziert – nun arbeiten wir an vielen verschiedenen und sehr konkreten Ansätzen. Auf diesem Weg wollen wir weitere Unternehmen für Praktika und als Arbeitgeber gewinnen“, sagt die zuständige Bereichsleiterin Verena Zschippang.

Das Besondere an EdA: Die bbw-Mitarbeiterinnen haben nicht nur bei der Sichtung von Jobangeboten und dem Erstellen von Bewerbungsunterlagen unterstützt. Sie bereiteten die Teilnehmer/-innen auch auf Vorstellungsgespräche vor, begleiteten sie auf Wunsch dorthin. Und nach erfolgreicher Vermittlung standen sie ihnen zur Seite, berieten und sensibilisierten Kollegen/-innen und Chefs in den Betrieben für die besonderen Bedürfnisse von Menschen aus dem Autismus-Spektrum.

Wie wichtig ein solches Job-Coaching ist, betonte auch der Unternehmer Dirk Müller-Remus (Auticon/Diversicon) – und der Journalist Dean Beadle und die Künstlerin Gee Vero (beide selbst aus dem Autismus-Spektrum) machten es in ihren Vorträgen auf eine humorvolle und zugleich berührende Art anschaulich. Beide berichteten, welchen Stress Menschenmengen oder zu viele optische und akustische Reize auslösen. Und zu welchen Missverständnissen es führt, wenn man die Mimik anderer Menschen nicht entschlüsseln, Metaphern und Ironie nicht durchschauen kann – und immer absolut ehrlich ist.

Wenn ein Arbeitgeber nicht um solche Besonderheiten weiß, bleibt es leider häufig beim Vorstellungsgespräch. So sind Schätzungen zufolge nur 5 Prozent der Menschen aus dem Autismus-Spektrum sozialversicherungspflichtig beschäftigt – obwohl sie Eigenschaften besitzen, auf die Arbeitgeber großen Wert legen: Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Loyalität und Pünktlichkeit.

Nach der Mittagspause hatten die Tagungsgäste schließlich die Möglichkeit, ihr Wissen in einem von 8 Workshops zu vertiefen, u. a. zu einer autismusfreundlichen Gestaltung des Arbeitsplatzes, Coaching am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz und Wegen in die Festanstellung.

Text: Eva Keller

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