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Mit Klarheit arbeiten

Autismus-Ausbildungscoach Elfriede Kohtz im Interview

Tom, Autist, sitzt an seinem Tisch: Blick ins Grüne, die Kollegin gegenüber, das Radio läuft. Ein netter Arbeitsplatz? Elfriede Kohtz sieht das anders. Sie ist eine der bbw-Ausbildungscoaches für Jugendliche, die dem Autismus-Spektrum angehören – etwa 25 Prozent aller jungen Erwachsenen, die in Karben eine Berufsvorbereitung oder Ausbildung absolvieren. Warum ein „autismusgerechter Arbeitsplatz“ im Alltag wichtig ist, erklärt sie hier.

Redaktion:                Was sind typische Herausforderungen, die bei der Ausbildung von Jugendlichen aus dem Autismus-Spektrum auftreten können?

Elfriede Kohtz:           Ausbilderinnen und Ausbilder erleben zum Beispiel, dass Aufträge über einen längeren Zeitraum nicht ausgeführt oder anders erledigt werden als erwartet. Oder ein Azubi zeigt mit seinem Verhalten deutlich, dass jetzt gerade nichts mehr geht – aber man versteht nicht, was los ist. Unsere Aufgabe als Ausbildungscoach ist es, zwischen dem Jugendlichen und dem Ausbilder zu vermitteln, zu informieren und ganz praktische Hilfestellungen zu geben. Unsere Erfahrung zeigt: Das klappt!

Redaktion:                 Was sind Gründe für Stolpersteine im Ausbildungsalltag?

Elfriede Kohtz:           Menschen aus dem Autismus-Spektrum nehmen aus neurologischen Gründen ihre Umwelt anders wahr als Menschen ohne Autismus. Das wirkt sich auf ihre Reizverarbeitung, ihre Handlungsfähigkeit und ihre Kommunikation aus. Zum Beispiel kann es sein, dass Geräusche nicht gefiltert werden können: Die Anspannung steigt, das Chaos im Kopf auch. Oder aber eine mündliche Info wird verzögert verarbeitet und während der Chef noch spricht, hat der Azubi bereits den Anschluss verloren. Mit unserer langjährigen Erfahrung im bbw können wir das schnell erkennen. Wir schaffen Bedingungen, in denen die Jugendlichen klarkommen und dann auch zeigen können, was in ihnen steckt.

Redaktion:                 Was sind autismusgerechte Arbeitsbedingungen, was bietet das bbw an?

Elfriede Kohtz:           Ein Einzelarbeitsplatz, der wenig optische oder akustische Reize bietet, ist günstig. Sprich: Der Blick ins Grüne mit Ablenkungspotenzial z. B. durch umherlaufende Menschen ist hinderlich, genauso wie Radiomusik im Hintergrund. Wir haben die Ausbildungsbereiche im bbw darauf hin überprüft und schaffen nach und nach z. B. neue Raumaufteilungen mit mobilen Stellwänden. Weiterhin richten wir Rückzugsräume ein, die die Auszubildenden aufsuchen können, wenn die Anspannung zu groß ist. Wichtig sind ein gut aufgeräumter Arbeitsplatz, an dem alles seine feste Ordnung hat, verbindliche Wochenpläne sowie klare Unterweisungen – am besten auch in schriftlicher Form. Wir nutzen zum Beispiel den TEACHH-Ansatz, bei dem Arbeitsschritte wie „ein Hemd bügeln“ mit Bildern und Text kleinschrittig und sehr klar beschrieben werden.

Redaktion:                 Wie geht es nach dem Coaching weiter?

Elfriede Kohtz:           In der Coachingphase arbeiten wir intensiv mit den Jugendlichen und den Kolleginnen und Kollegen aus der Ausbildung, danach ziehen wir uns zurück. Parallel führen wir hausintern Autismus-Schulungen durch, die in die Tiefe gehen. Ein gut informierter Vorgesetzter – das ist auch eine „autismusgerechte Arbeitsbedingung“, wenn man so will. Es hat sich gezeigt: Jugendliche aus dem Autismus-Spektrum sind motivierte und wertvolle Mitarbeiter/-innen, wenn die Umgebung passt.

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